Recensioni / Die Mondmission Apollo 11 ist ein phantastisch poetisches Ereignis

Manchmal muss die Literatur noch einmal ganz von vorne beginnen. Dann sitzt sie in der Schule des Schauens und über der Grammatik der Wörter. Nichts ist klar, und die Dinge können Trugbilder der Phantasie sein, Wahrheit oder Täuschung. Matteo Terzaghi, der italienischsprachige Schweizer Schriftsteller, arbeitet in diesen Zonen der Unklarheit. Mit seinem schmalen Werk schreibt er gegen die Selbstgewissheit der dicken Bücher an, und je mehr Bücher von ihm erscheinen, umso lauter ist ihr Ruf nach Kürze.
«Die Erde und ihr Trabant» ist wie eine Schulfibel. Es sind kurze Texte. Inventare einer Welt, die wir uns erst erobern. Sie heissen schlicht «Regen», «Das Konzert», «Das Naturkundezimmer», «Mein Sonntag», «Die Tasse», «Krankheit» oder «Gesundheit». Aber das Einfache ist hier das Komplizierte und ein Staubkorn so gross wie das All. Alles zerfällt und setzt sich neu zusammen in Matteo Terzaghis Geschichten. Auch so konkrete Ereignisse wie die Mondmission von Apollo 11.

Im Sternzeichen des Regenwurms
«Der Mond gehört uns» präsentiert sich als Assemblage surrealer Fakten. Weil die Astronauten sich im All Bärte stehen lassen, ist der «lunare Schnurrbart» erfunden. Brigitte Bardot, von Zeitgenossen zu Apollo 11 befragt, antwortet: «Es ist wundervoll, aber ich persönlich würde nicht auf den Mond fliegen.» Wernher von Braun, der Raketeningenieur der Nazis, der nahtlos in die Raumfahrtprogramme der USA überwechselte, ist überzeugt, dass es im Jahr 2000 Städte und Hotels auf dem Mond geben wird.
Zwischen Himmel und Erde, dem All und den menschlichen Kreaturen ist bei Matteo Terzaghi viel Platz. Und es regnet viel in diesem Buch, das nicht ohne Grund den grossen Franzosen Francis Ponge zum Schutzherrn hat. Sein Text über den Regen ist wie alle Texte von Ponge nicht blosse Beschreibung, sondern er schafft die Dinge noch einmal. Der Regen durchweicht die Zeilen, sein Plätschern und Klopfen ist zu hören. Das schnelle Fallen der Tropfen, die klein sein können wie Weizenkörner oder gross wie Murmeln.
Von allem Elementaren, das bei Matteo Terzaghi beschrieben ist, ist der Regen das Elementarste. Von der Erwähnung der Tatsache, dass menschliche Zivilisation für gewöhnlich nur in beregneten Zonen möglich ist, geht es über einen Text zum Regenwurm hinaus in einen metaphorischen Raum des Rauschens. Man sieht nichts, und man sieht alles. In «Herrn Jauchs Logorrhö» geht es um einen Sturzbach der Wörter, vor dem der solcherart Erkrankte immerhin noch selbst warnen kann. Man soll ihn besser nicht ansprechen.
Was beim einen zu viel ist, ist beim anderen zu wenig. Der Erzähler wird von seinem Lehrer darauf hingewiesen, dass ein Schulaufsatz kein Aphorismus ist und dass diese Übung den Menschen auch ganz praktisch auf das Leben vorbereite. «Das Geheimnis des Schulaufsatzes, aber das gilt auch allgemein für das Leben, liegt in der Abschweifung.»
Matteo Terzaghis von Barbara Sauser mit lakonischer Präzision übersetzte Skizzen sind Geschichten mit offenem Ausgang. Sie bedeuten alles, was sie nur irgendwie bedeuten könnten. Je knapper sie erzählt sind, umso mehr öffnet sich dieser Kosmos. In «Der Turmspringer» stehen zögernde Kinder auf einem zehn Meter hohen Sprungturm, während sich am Ufer des Sees ein kleines Publikum bildet. Aus diesem Publikum löst sich ein dicker Mann, durchschwimmt den See und springt dann kurzerhand vom Brett. Ein paar Minuten bleibt er unter Wasser, dann taucht er wieder auf. Und warum das alles? Weil das schon eine Geschichte ist? «Wahrscheinlich hatte er einfach den Wunsch verspürt, seine Körpermasse der Schwerkraft anzuvertrauen», heisst es noch lapidar in Matteo Terzaghis Buch.
In einem anderen Fall ist es ein Herr Quinto, der dem Erzähler durch die sich schliessende Zugtür des Milano-Venezia-Expresses gerade noch eine Topfprimel hereinreichen kann. Sie sei für eine gewisse Dagmar. Die beiden amourös verbundenen Herrschaften sind dem Erzähler gänzlich fremd, aber er muss jetzt auf der Fahrt diese Dagmar finden. Ein kompliziertes Unterfangen, das noch komplizierter wird, weil der Zugbegleiter überzeugt ist, dass im herrenlosen Primeltopf wohl nur eine Bombe versteckt sein kann. Die Sache klärt sich schliesslich, und in wenigen Zeilen ist eine Geschichte erzählt, die voll Action, Sex und Crime ist.

Dinge und Wörter werden neu
Die Bedeutungen sind in Terzaghis Buch immer ausserhalb des unmittelbaren Blickfelds. Man erkennt sie nicht gleich, aber man ahnt sie. So kann man auch eine Fotografie lesen, die in «Die Erde und ihr Trabant» abgedruckt ist. Sie stammt vom 17. April 1912 und zeigt eine Menschenmenge, die in den Himmel schaut. Hinauf zur Sonne, die sich an diesem Tag gerade verfinstert. Zwei Tage davor ist die «Titanic» gesunken, der Erste Weltkrieg ist nicht mehr weit.
Wir sehen Umrisse und Ausschnitte aus privaten Geschichten und aus der grossen Geschichte. Mit Terzaghi ist man bei den historischen Epiphanien eines W. G. Sebald und beim Zufall der Surrealisten. Bei Dada und bei Hugo Ball, den der Autor auch einmal erwähnt. Wie Francis Ponge hat Hugo Ball in Zeiten geschrieben, in denen die Wörter durch die Politik missbraucht worden waren. Die Verdrehungen der Propaganda haben ihren Sinn Fliehkräften ausgesetzt, die die Literatur erst wieder einfangen musste. Sie musste wieder einfach werden und sich auf das Elementare konzentrieren.
Matteo Terzaghi schreibt in anderen Zeiten. Er schreibt an den Umrissen der Krisen entlang. Er zieht Linien zum eigenen Vergnügen und macht es damit zum Vergnügen des Lesers. Weil dabei die Sprache und die Dinge wieder neu werden.